Luchino Visconti und die Musik
Shownotes
Der große Filmregisseur hat mit seinen legendären Soundtracks nicht nur die Klassik im Kino wirklich salonfähig gemacht, sondern sogar die Interpretations Geschichte beeinflusst. Filmgeschichte rund um Musik von Bruckner, Mahler, Wagner und die italienischen Romantiker.
Transkript anzeigen
00:00:02: Bis Ende Februar läuft im Wiener Filmmuseum eine Retrospektive zum fünftigsten Todestag von Lukino Visconti, einem der bedeutendsten Filmregisseure des zwanzigsten Jahrhunderts, der gleichzeitig auch Musikgeschichte geschrieben hat, und zwar auf unterschiedliche Art und Weise, nicht nur als Opern-Regisseur.
00:00:47: Willkommen im Musiksalon.
00:01:35: Mit einem legendären Luftsprung hat Leonard Bernstein, in den Seixundsechzig, den Einsatz zu Verdys-Fallstaff gegeben.
00:01:46: Dietrich Fischer-Dieska sang den Titel Helden und inszeniert hat Lucchino Visconti.
00:01:54: Die Premiere dieser Produktion hat also nicht nur das Debüt des dirigenten Stars Bernstein markiert in Wien, sondern auch einen der bedeutendsten Filmregisseure seiner Zeit an die Staatsoper gebracht.
00:02:10: Gleichzeitig hat man Visconti im damals neuen Filmmuseum eine retrospective Gewitme, die viel beachtet worden ist.
00:02:20: Mit Bernstein war Visconti schon seit längerem bekannt, An der meilen der Skala haben die beiden wiederholt zusammen gearbeitet, vor allem für eine Produktion mit der Primadonna Assoluta Maria Callas auf ihrem Weg zur Neuentdeckung des großen Belcanto Repertoires, das ja zu diesem Zeitpunkt eigentlich ziemlich verschüttet gewesen ist.
00:02:49: Die Callas Bernstein.
00:02:51: und Visconti.
00:02:53: Das war ein Künstlergespann, das neue Maßstäbe für das Musiktheater gesetzt hat.
00:02:59: Eine solche wohl austarierte Melange aus hochkretiger musikalischer Durchgestaltung und entsprechender szenischer Feinarbeit, die hat man im Opernbereich zuvor nie erlebt gehabt.
00:03:12: Decalas, heute eine Legende auch als Darstellerin, sie hat wiederholt erklärt, wie viel sie der Arbeit mit Lucchino Visconti verdankt hat.
00:03:23: Er hat mir beigebracht, so hat sie erzählt, wie ich mich auf der Bühne bewegen sollte.
00:03:28: Je weniger Bewegung, die nicht unmittelbar aus der Musik abgeleitet war, desto besser.
00:03:35: Leonard Bernstein hat damals übrigens für die Diva Anlässlich ihrer pionierhaften Beschäftigung mit dem zuvor, wie gesagt, sehr vernachlässigten großen Balkantorepert war, eigene Koloraturen und Verzierungen komponiert, die die Kallers natürlich mit höchstem Geschmack und selbstverständlich mit höchster Bravour ausgeführt hat.
00:03:59: Dergleichen war in jeder Hinsicht unerhört, und das hat während der Premiere der Nachtwanderin von Vincenzo Bellini in der Meilen der Skala für eine wahrhaft explosive Stimmung gesorgt.
00:05:36: Da ist das Publikum förmlich ausgerastet in Meiland, La Sonambula, mit der Kalas, Dirigent und Arangier der Koloraturen und Verzierungen Leonard Bernstein.
00:05:53: Die Inszenierung stammte von Lucchino Visconti, einem Spross der uralten Heilender Adelsdynastie.
00:06:02: Die Beschäftigung mit der Oper war für ihn sozusagen das selbstverständlichste von der Welt.
00:06:08: Lucchino war von Kindesbeinen an, mit den Werken Rosinis, Verdis und Puccinis vertraut.
00:06:16: Entsprechend selbstverständlich war für ihn der Einsatz melodramatischer Musik auch dann in seinen Filmen.
00:06:23: oft durch ziehen berühmte Areen oder Instrumentalstücke aus Opern ganze Filme.
00:06:29: Zwar hat er immer wieder mit Filmmusik-Komponisten wie Nino Rota zusammengearbeitet, aber die waren sich nicht zu schade für ihn auch Klassiker, also Romantiker, wie Verdis Traviata zu arrangieren.
00:06:46: oder auch in den Erhiefen nach unbekannten Stücken großer Meister zu suchen, die zu Viscontis musikalischen Vorstellungen für seine Filme gepasst haben.
00:06:57: Das überrascht dann manchmal auch Musikkinder, wenn sie zum ersten Mal einen Visconti-Film sehen, indem sie noch etwas entdecken können von Verdi oder Wagner.
00:07:11: Und dann, wie gesagt, Fragmente Aus berühmten Opern, im Innocente, kommt es zu einer entscheidenden Begegnung, während gerade Glucksorf aus sein Ach, ich habe sie verloren, anstimmt, und Passagen aus dem Liebestrank von Donizetti durchziehen beliss immer.
00:07:32: Für den vielleicht artificiellsten seiner Filme weiße Nächte nach Dostoyevsky.
00:07:39: Es ist eine Arbeit, bei der sich Visconti sehr weit von seiner neorealistischen Ästhetik, für die er berühmt geworden war, entfernt hat.
00:07:48: Da hat Nino Rota dann tatsächlich eine neue Komposition geschaffen.
00:09:44: Rotas Musik zu den weißen Nächten.
00:09:47: Dergleiching stellte im Schaffenluckino Viscontis eher die Ausnahme dar.
00:09:53: Dank der lebenslangen Beschäftigung mit klassischer Musik und nicht zuletzt mit der Oper War dieser Regisseur natürlich mit Mozart's Figurus Hochzeit vertraut, als er in der Vorlage zu dieser Ober-Bomages la Volljournée für das Theater zu inszenieren.
00:10:13: Bis dahin war er für die Bühnen vor allem als Ausstatter tätig gewesen.
00:10:19: Bühnenbilder und Kostüme entworfen.
00:10:22: Diesmal inszenierte er.
00:10:24: und das in dieser Schauspielvorlage zur vergleichsweise gemäßigten Mozartoper die politische Dimension der Auflehnung des dritten Standes gegen den Adl geradezu präsente Formen annimmt, das kam dem Mann aus Hochadeligenhause geradezu entgegen in diesem Zeitpunkt seiner Karriere.
00:10:48: Bis konnte.
00:10:48: Er war anfänglich durchaus ein Bewunderer des italienischen Faschismus und der Mussolini gewesen.
00:10:55: Er hatte sich aber durch die Zusammenarbeit mit dem Filmgroßmeister Jean Renoir, dessen Assistenter eine Zeit lang gewesen ist, zum engagierten Parteigänger der Kommunisten gewandelt.
00:11:10: Fordalen Lebensstil hat Svisconti deshalb nie aufgegeben.
00:11:14: In Italien um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hat man das kaum als widersprüchlich empfunden.
00:11:21: Es finden sich ja auch im Över-Katalog des Filmemachers Svisconti, realistische Sozialkritik in einem außergewöhnlichen Fall von Laterradrema sogar von Leintarstellern verkörpert.
00:11:36: neben ästhetischen Schönheitstrunken in Historien bilden.
00:11:41: Und jedenfalls findet sich die pittere Armut eines Fischerdorfs ebenso detailverliebt, versessen abgebildet, wie das Artiller eines sizilianischen Herrenhauses.
00:11:55: Für diesen Handwerker war selbstverständlich, dass optische und akustische Komponenten seiner Werke vollkommen miteinander harmonieren mussten.
00:12:06: Mitte der sechziger Jahre hat Lucchino Visconti einen Film fertiggestellt, der von den Kinorezensionen nicht besonders hoch bewertet wurde, der aber für die Betrachtung der musikalischen Elemente in der Kunst dieses Regisseurs besonders interessant ist.
00:12:27: Vagestelle de Lorsa heißt das Original, Sandra, die Triebhafte.
00:12:34: hieß es in Deutschland und in den Englischsprachigen Landen dieser Film.
00:12:40: Wiederum in Schwarz-Weiß gedreht, versucht irgendwie die Quadratur des Kreises in Viscontis bildlicher Ästhetik.
00:12:51: Es geht da um die Anverwandlung der antiken Elektra-Tragödie, um einen Befreiungsschlag der Schmerzhaft, die Einsamkeit des Individuums.
00:13:03: dokumentiert, aber es geht auch um den Verfall der Gesellschaft und die Marbedezer des Lebens, der Reichen und Schönen vor dem Hintergrund des unausweichlichen Zerfalls der Kultur und der Zivilisation.
00:13:21: Die großen Themen, mit denen sich Wiskrond die Zeitlebens beschäftigt hat und die er immer versucht hat in einer ganz eigenen letztendlich der Schönheit geweihten Ästhetik einzufangen.
00:13:36: Durch diesen Film zieht sich wie ein Leitmotiv das Prelude aus einem dreiteiligen Klavierzyklus von César Franck.
00:13:46: Prelude, Choral und Fuge.
00:13:49: Die Musik ist immer präsent, vor allem dann, wenn die Hauptfigur von Claudia Cardinale gespielt, von ihren Erinnerungen geplagt und eingeholt wird, wenn sie versucht, in die eigene Vergangenheit, in die Vergangenheit ihrer Familie und ihres eigenen Seelenlebens vorzudringen.
00:14:12: Die Musik nimmt den Zuschauer auf diesem Weg mit.
00:16:15: Zu den wichtigsten musikalischen Wegbegleitern, wie es konnte, zählte neben den Komponisten Nino Rota und Franco Manino der bedeutende italienische Dirigentenausbildener Franco Ferrara.
00:16:30: Er hat für den Soundtrack von Senso, eine im österreichisch besetzten Venedig zur Zeit des Risorgimento angesiedelten Melodramen Musik aus den ersten beiden Sätzen von Anton Bruknas Sieben der Symphonie arrangiert.
00:16:48: Die Verbindung von Bild und Ton ist hier von Beenglug in der Sensibilität.
00:16:54: Wenn die Hauptdarstellerin über die Brücken Venediks schwebt, dann stimmt ihre Bewegung auf atemberaubende Weise mit der Wölbung von Bruckners Melodiebögen überein.
00:18:59: Bruckner in Venedik, Marke Lucchino-Visconti, die berühmteste Anverwandlung symphonischer Musik für filmische Zwecke bei diesem Regisseur, ist gewiss die Verwendung von Ausschnitten aus Gustav Mahlers fünfter Symphonie im Tod in Venedig, also noch einmal ein Streifen der in Venedig angesiedelt ist, diesmal nach der Novelle von Thomas Mann.
00:19:28: Der Dichter war übrigens über eine mögliche Zusammenarbeit mit dem damals schon ikonischen Filmemacher höchst erfreit.
00:19:37: Er begrüßte, wie es konnte, das Projekt aus seiner Novelle Mario und der Zauberer eine Paletteoper zu machen.
00:19:45: Es konnte, hat davor geschwebt, eine neue freie Form von Musiktheater in dem Tanz, Schauspiel und Gesang fließend ineinandergreifen sollten.
00:19:56: Das Stück ist tatsächlich realisiert worden.
00:19:59: Leonid Mersin war der Choreograph und Franco Manino schuf die Musik.
00:20:07: Aber die Mylinda Scala hat den Premierentermin so verschleppt, dass der Dichter die Aufführung nicht mehr.
00:20:15: Erlebt hat.
00:20:16: Es wäre auch interessant zu wissen, was Thomas Mann zu der Verfilmung von Tod in Venedig gesagt hätte.
00:20:25: Das ist eines der übigen, bildmächtigen Spätwerke von Visconti.
00:20:33: Ein cinästisches Gesamtkunstwerk, das auf gewisse Weise sogar die musikalische Interpretationsgeschichte beeinflusst hat.
00:20:45: Maler war damals, am Beginn der siebziger Jahre, ja noch nicht so fest verankert in den Spielplänen.
00:20:53: Es war die Zeit, als Dirigenten wie Raphael Kubilik und Leonard Bernstein daran gegangen sind, das Gesamtwerk von Maler zu erarbeiten, auch für Schallplatten und in den Konzertseln.
00:21:07: Nun wurde das Adagetto Der vierte Satz der fünften Symphonie von Mahler durch die Verwendung durch Visconti, zu einem ikonischen Musikstück, plötzlich hörte die ganze Welt diese Musik und sie hörte sie eigentlich falsch.
00:21:27: Denn, wie wir von Willem Mängelberg, der Mahler gut gekannt hat, wissen, diese Musik ist eigentlich ein tönender Liebesbrief an des Komponisten spätere Gatin Alma Schindler.
00:21:44: Durch die Verwendung im Tod in Venedig war diese Musik aber für die ganze Welt nicht mit Liebe, sondern mit dem Tod verbunden.
00:21:55: Das hatte erstaunliche Folgen.
00:21:58: In frühen Aufnahmen dieser Maler-Symphonie, etwa durch Malers Assistenten und vertrauten Bruno Walter, Da dauert diese Musik etwa sieben bis sieben ein halb Minuten, genauso lang wie Maler selbst als sein eigener Dirigent für diese Musik gebraucht hat.
00:23:56: Nach dem Tod in Venedig sind die Aufführungen dieses Adagetos immer langsamer geworden.
00:24:05: Auf dem Höhepunkt dieser retardierenden Exegese brauchte etwa Bernard Heiting mit den Berliner Philharmonikern ziemlich genau doppelt so lang wie das Vorbild Brunner Walter.
00:26:04: An den Dimensionen großer romantische Symphonien hat sich Visconti auch als Drehbuchautor, als Architekt seiner Szenarien orientiert, hat man zumindest das Gefühl schon in frühen Filmen, wie dem schon erwähnten Sensor, wo Brugnuss siebente den Soundtrack bildet, arbeitet er mit langen, ausgreifenden Szenen.
00:26:36: und die ungemein sensible Schilderung des Kulturverfalls.
00:26:42: Im Leopard, nach Tomasi, die Lampedusa, mündet in eine gigantische, wohl mindestens eine halbe Stunde lang dauernde Ballszene, in der sich die alten Formen sukzessive Aufzulösen scheinen.
00:27:01: Die scheinbar exzessive Suche nach Schönheit, die die Filme dieses Regisseurs auszeichnet, hat ihm des öfteren Kritik, vor allem aus dem fortschrittlichen linken Lager, den wir ja politisch Angehörte eingetragen.
00:27:18: Und doch, hellsichtigere Zeitgenossen haben dieses Urteil hinterfragt.
00:27:25: Nicht zuletzt, wie es Kondis freund, der ebenfalls kommunistisch orientierte Komponist Hans Werner Henze, der in einem Essay über den Regisseur die Frage stellt, ob nicht seine Perfektion, sein Raffin-Mas, nicht nur die Gaben eines großen Talents sind, keine ihm leicht zufallenden Gästen, sondern Ergebnisse von Kämpfen.
00:27:54: Siege über den Verfall, über die Unbeständigkeit, die groteske Kulturlosigkeit unserer Epoche, die Schönheit des Untergangs, die Visconti des Öfteren beschworen hat, die kulminiert in seinem Schaffen wahrscheinlich in einem seiner spätesten Filme, in Ludwig, die filmische Biografie oder sagen wir besser Seelen, Analyse, von Ludwig II.
00:28:23: von Bayern mit Helmut Berger in der Titelrolle.
00:28:28: Und hier ist es natürlich die Musik des Favoriten des Königs, Richard Wagner, die den Film Soundtrack dominiert.
00:28:39: Ein Soundtrack, den wiederum Franco Manino für den Filmregisseur erarbeitet hat.
00:28:45: Manino, der auch ein brillanter Pianist gewesen ist, hat zu diesem Zweck auch an den meisten Musikfreunden und Wagnerianern völlig unbekanntes kleines Klavierstück aus der Feder des Beiräuters entdeckt.
00:29:02: Da im Ludwig-Film im Übrigen sehr viel aus Tristan und Isolde zitiert wird, hält man dieses kleine Klavierstück, indem die Tristanharmonien, sozusagen vorweggenommen scheinen, für ein Konstrukt des Filmmusik-Schöpfers.
00:29:24: In Wahrheit ist es originaler Wagner, den man hier im Kino entdecken kann.
00:31:17: Eine Elegy von Richard Wagner.
00:31:20: Berühmt geworden dank ihrer Verwendung im Ludwig-Film.
00:31:24: Sie stand am Ende unseres kleinen musikalischen Porträts des großen Regisseurs, Lucchino Visconti.
00:31:32: Danke fürs Zuhören.
00:31:45: Mit Wilhelm Zinkowicz.
Neuer Kommentar